Großanlagenbau: Historischer Einbruch im Auslandsgeschäft

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Die Einbußen im Export waren 2020 auch für eine an starke Schwankungen gewöhnte Branche wie den Großanlagenbau außerordentlich hoch.

Stornierungen und Investitionsverschiebungen in 2020

Die Auftragseingänge im Großanlagenbau sind im Zuge der Corona-Pandemie so stark zurückgegangen wie noch nie seit Beginn der statistischen Erhebungen im Jahr 1969. Die von den Mitgliedern der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) in Deutschland verbuchten Auftragseingänge lagen 2020 mit 11,9 Mrd. € um 35 % unter dem Vorjahresniveau (2019: 18,3 Mrd. €). Den bislang stärksten Einbruch hatte es im von der Finanzkrise geprägten Jahr 2009 gegeben: Damals betrug das Minus 33 %.

Während der Rückgang im Inland innerhalb der üblichen Schwankungsbreite blieb (-9 %), waren die Einbußen im Export auch für eine an starke Schwankungen gewohnte Branche wie den Großanlagenbau außerordentlich hoch (-42 %). Die Stornierung von Projekten sowie die Verschiebung von Investitionsentscheidungen betrafen dabei in erster Linie das Neuanlagengeschäft. So waren bei den für die Auslastung der Unternehmen besonders wichtigen Großaufträgen im Wert von über 50 Mio. € signifikante Rückgänge zu verzeichnen (2020: 29 Projekte; 2019: 53 Projekte), die durch die nahezu stabile Nachfrage nach Modernisierungen und Services nicht ausgeglichen werden konnte.

Die inländischen Bestellungen gingen 2020 um 9 % auf 3,2 Mrd. € (2019: 3,6 Mrd. €) zurück. In langfristiger Betrachtung liegt der Auftragseingang damit um 20 % unter dem Durchschnitt der letzten Dekade (2011 bis 2020: 3,9 Mrd. €); im Vergleich zum Rekordjahr 1993 (7,4 Mrd. €) hat sich die Nachfrage sogar mehr als halbiert.

Diese vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie solide Entwicklung im Inland ist vor allem auf eine steigende Nachfrage nach Chemieanlagen (+46 %) sowie nach Kraftwerkstechnik (+12 %) zurückzuführen. Im Kraftwerksbau erreichten die Bestellungen mit 1,1 Mrd. € (2019: 1,0 Mrd. €) den höchsten Wert seit 2014. Neben Ertüchtigungen und Services gab es 2020 eine Reihe von Neubauaufträgen für kleinere, effiziente Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke, die überwiegend für industrielle Anwendungen, z.B. in Chemieparks, genutzt werden. Diese Anlagen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit Erdgas, reinem Methan oder Wasserstoff betrieben werden können und damit die Anforderungen an eine flexible und nachhaltige Strom- und Wärmeproduktion erfüllen.

In den anderen Teilbranchen war die Nachfrage überwiegend rückläufig. So sanken die Bestellungen für Anlagen der Papierindustrie (-41%), der metallurgischen Industrie (-62 %) und der Baustoffindustrie (-85 %) deutlich unter das jeweilige Vorjahresniveau.

Im Auslandsgeschäft kam es 2020 zu einem erdrutschartigen Nachfrageeinbruch. Die Bestellungen fielen um 42 % von 14,7 Mrd. € (2019) auf 8,6 Mrd. € und sanken damit auf das Niveau des Wendejahres 1989. Von dieser Entwicklung waren – mit Ausnahme Osteuropas – alle Regionen in ähnlich starkem Ausmaß betroffen. Die Exportquote lag im Berichtszeitraum bei 72,7 % (2019: 80,6 %).

In diesen Zahlen spiegeln sich die durch die Corona-Pandemie ausgelösten Verwerfungen im internationalen Projektgeschäft wider. Viele Kunden litten 2020 unter hohen Einnahmeausfällen. Sie konnten laufende Projekte nicht wie geplant weiterführen und keine neuen Vorhaben starten. Ferner erschwerten die strikten Reise- und Kontaktbeschränkungen die Durchführung von Serviceleistungen und die Verhandlung von Neuaufträgen, was sich dämpfend auf die Nachfrage nach Großprojekten auswirkte. Schließlich hängt deren Zustandekommen in besonderem Maße von Vertrauen und direkten Gesprächen ab.

In diesem schwierigen Umfeld ließen sich Kapazitätsanpassungen häufig nicht vermeiden. Aktuell beschäftigen die Großanlagenbauer 48.600 Personen an den Heimatstandorten, das sind rund 5.000 Männer und Frauen weniger als im Vorjahr (2019: 53.800). Die Quote der Mitarbeiter mit einem Ingenieurabschluss blieb mit 35,3 % auf hohem Niveau konstant (2019: 35,0 %). Gleichzeit haben einige Unternehmen ihre internationale Präsenz weiter ausgebaut, um näher an den Kunden zu sein und Marktchancen frühzeitig ergreifen zu können

Die Auftragseingänge aus den Industrieländern –  Westeuropa und Nordamerika sowie Australien, Neuseeland, Japan und Südafrika – sanken 2020 um 49 % auf 2,6 Mrd. € (2019: 5,0 Mrd. €).

Überdurchschnittlich waren die Rückgänge in Nordamerika, wo die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Aufträge in Höhe von 646 Mio. € akquirierten, das sind 62 % weniger als 2019 (1,7 Mrd. €). 2019 war das Geschäft noch durch eine Sonderkonjunktur im US-Hütten- und Walzwerksbau mit Rekordaufträgen in Höhe von 1,0 Mrd. € geprägt gewesen, denen diesmal Bestellungen von lediglich 100 Mio. € gegenüberstanden.

In Westeuropa verzeichneten die Mitglieder der AGAB in den Kernmärkten Frankreich (155 Mio. €; -53 %), Großbritannien (133 Mio. €; -56 %) und Italien (132 Mio. €; -34 %) deutlich weniger Aufträge als im Vorjahr. Positiv war die Entwicklung in Griechenland. Hier kam es in Folge eines Großauftrags für ein Infrastrukturprojekt zu einem Orderzuwachs auf 232 Mio. € (2019: 15 Mio. €). Ein Konsortium unter Führung eines AGAB-Mitglieds liefert mehrere schlüsselfertige Anlagen für eine Hochspannungs-Stromleitung, mit der die Mittelmeerinsel Kreta nach Inbetriebnahme der Verbindung im Jahr 2023 besser an das griechische Festlandsstromnetz angebunden werden soll.

Kunden aus Osteuropa und die GUS vergaben 2020 Aufträge im Wert von 2,3 Mrd. € (2019: 2,4 Mrd. €). Russland ist aufgrund seines Ressourcenreichtums traditionell der Kernmarkt des Großanlagenbaus in der Region und war mit Buchungen von 1,6 Mrd. € (2019: 1,4 Mrd. €) das wichtigste Kundenland weltweit. Allein 80 % dieses Volumens stammte aus Großprojekten, wobei ein Megaauftrag für den Bau einer petrochemischen Anlage im Wert von über 900 Mio. € herausstach.

Russland unterstrich damit seine Bedeutung als wichtigster Markt für den VDMA-Chemieanlagenbau: In der vergangenen Dekade wurden Bestellungen im Wert von 8,4 Mrd. € in diesem Marktsegment gemeldet, das sind mehr Aufträge für Chemieanlagen als aus Brasilien, China, Indien und den USA, die zusammengenommen auf Aufträge in Höhe 5,7 Mrd. € kommen.

Ungarn war 2020 ein weiterer Wachstumsmarkt in Osteuropa. Die Bestellungen stiegen dort sprunghaft auf 206 Mio. € (2018: 56 Mio. €). Auslöser für diesen Aufschwung war ein Großprojekt im Kraftwerksbau sowie ein Auftrag für den Bau einer Luftzerlegungsanlage, mit der der steigende Bedarf an Industriegasen in Ungarn und den umliegenden Ländern gedeckt werden soll.

Die Bestellungen aus dem asiatisch-pazifischen Raum erreichten 2020 ein Niveau von 1,9 Mrd. €. Das entspricht einem Rückgang um 49 % im Vergleich zum Vorjahr (2019: 3,7 Mrd. €).

Die Nachfrage aus China nach Großanlagen sank um 41 % auf 786 Mio. € (2019: 1,3 Mrd. €) und lag damit erstmals seit 2016 wieder unter der Milliarden-Euro-Marke. Dieser Rückgang ist in starkem Maße auf den mit dem Shutdown verbundenen Wachstumseinbruch im ersten Halbjahr 2020 zurückzuführen (BIP: -1,6 %).

Gleichzeitig spiegelt sich in den Zahlen auch der langfristige Trend zu mehr Eigenwertschöpfung und qualitativem Wachstum in der Volksrepublik wider. Chinesische Kunden verlangen vom VDMA-Großanlagenbau immer seltener die Abwicklung von schlüsselfertigen Großprojekten und setzen stattdessen auf die Lieferung von Technologien, Hightech-Komponenten und Services.

Hierbei können die Mitglieder der AGAB im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit mit ihren besonderen Kompetenzen punkten und die im aktuellen Marktumfeld gewünschten Angebote für mehr Klimaschutz bereitstellen. Ähnliche Potenziale ergeben sich in den entwickelten Märkten in Ost- und Südostasien wie etwa Singapur, Südkorea und Taiwan.  

Die Nachfrage nach Großanlagen im Nahen und Mittleren Osten sank 2020 um 54 % auf 633 Mio. € (2019: 1,4 Mrd. €) – das ist der niedrigste Auftragseingang seit 25 Jahren. Die starke Konkurrenz durch asiatische Anlagenbauer und das in Teilen instabile politische Umfeld sind wesentliche Gründe für diesen Rückgang. Im vergangenen Jahr wurde das Marktumfeld im Mittleren Osten zusätzlich durch den dramatischen Einbruch des Rohölpreises im Frühjahr sowie die damit verbundenen staatlichen Einnahmeausfälle belastet.  

Das bedeutendste Kundenland in der Region war 2020 Saudi-Arabien mit Bestellungen in Höhe von 225 Mio. € (2019: 129 Mio. €). Mehrere Großaufträge im Kraftwerkssektor sowie für Hütten- und Walzwerke waren die Auslöser für diesen Aufschwung. Rückläufige Bestellungen wurden hingegen aus Katar (-31 %), den Vereinigten Arabischen Emiraten (-50 %) und dem Irak (-83 %) gemeldet. Komplett zum Erliegen kamen die Geschäfte mit dem ehemaligen Kernmarkt Iran. Aufgrund der weiterhin bestehenden Sanktionen der USA und der Europäischen Union sowie fehlender Finanzierungsmöglichkeiten wird sich an der schwierigen Situation für den Anlagenbau im Iran kurzfristig voraussichtlich wenig ändern.

In dieser Rubrik sind alle Staaten zusammengefasst, die keiner der vier zuvor genannten Gruppen zuzuordnen sind. Dazu zählen Afrika (ohne Südafrika), Süd- und Mittelamerika, Südasien mit Indien, die Türkei und Ozeanien. Die Bestellungen in dieser Ländergruppe lagen 2020 bei 1,2 Mrd. € (2019: 2,2 Mrd. €).

Die Nachfrage aus Indien schrumpften im Berichtszeitraum auf 144 Mio. € (2019: 290 Mio. €) und fiel damit weiter hinter die Spitzenwerte der Jahre 2007 bis 2013 mit Auftragseingängen von durchschnittlich 1,3 Mrd. € zurück. Auch in anderen Schwellenländern war die Nachfrage rückläufig. So sanken die Bestellungen in wichtigen Märkten wie etwa Ägypten, Brasilien, Mexiko und der Türkei auf langjährige Tiefststände.

Schwierige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, Devisenknappheit und hohe Inflationsraten wirkten sich in diesen Staaten dämpfend auf die Nachfrage nach Großanlagen aus. Hinzu kamen pandemiebedingte Steuerausfälle bei gleichzeitig steigenden Ausgaben für soziale und medizinische Zwecke. Durch höhere Staatsdefizite werden die finanziellen Spielräume der öffentlichen Hand für notwendige Infrastrukturinvestitionen, etwa in neue Kraftwerke, Stromnetze und Abfallverbrennungsanlagen, nachhaltig eingeschränkt. Es ist davon auszugehen, dass das Umfeld für den Großanlagenbau in vielen Schwellenländern auch nach dem Ende der Pandemie schwierig bleiben wird.

Großanlagenbau behauptet sich in schwierigem Umfeld
 

Dass der VDMA-Großanlagenbau sich in einem schrumpfenden Markt dennoch stabil behaupten konnte, lag an den auf Langfristigkeit fußenden Geschäftsmodellen. Auftragsbestände aus wirtschaftlich erfolgreicheren Jahren halfen den Mitgliedern der AGAB, Umsätze zu erzielen, die exakt auf Vorjahresniveau lagen (2020: 16,3 Mrd. €). Dies versetzte die Unternehmen in die Lage, auf während der Krise notwendige Investitionen in die Zukunftsfähigkeit der Branche – etwa in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit – tätigen zu können.

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